Ayse
Bericht von Brigitte Wennmann
Seit Jahren verbringen mein Mann
und ich unseren Urlaub immer in der Region von Side. Die erste Woche verlief
auch nach altem Muster. Mein Mann ist ein guter Heimwerker und machte jeden Tag
„Bauabnahme“ an einem Hotelneubau. Während mein Mann die Bauweise kommentierte,
hörte ich eigenartige Geräusche aus einem Müllcontainer und wollte nachschauen.
Meinem Mann war es peinlich, dass ich in der Mülltonne „wühlen“ wollte. Als ich
den Deckel der Tonne öffnete und den Inhalt durchwühlte, konnte ich es nicht
fassen. Statt der erwarteten Katze auf Futtersuche, ein Pappkarton mit einem
kleinen Hundebaby. Schmutzig, mit dem Karton im Arm stand ich nun da und wusste
nicht weiter. Die Bauarbeiter boten uns Hilfe in Form einer „Entsorgung“ an. Kam
gar nicht in Frage! Mit unserem Karton inklusive Hundebaby klapperten wir dann
Geschäfte und Bars ab, in der Hoffnung, ein ordentliches Zuhause zu finden.
Vergebens. Die Kleine fiepte inzwischen immer lauter, sie hatte natürlich Hunger. Wir waren durstig und mittlerweile ziemlich gefrustet. Wir wollten eigentlich keinen Hund mehr! Zuhause hatten wir schon drei: einen großen Pyrenäenberghund, zwei kleine Mixe und noch diverse andere Tiere.
Obwohl sich ein komischer Gedanke im Hinterkopf festsetzte, wir suchten immer noch eine Lösung. Ein Barbesitzer, der selber zwei Hunde mit einem Welpen hatte, erklärte sich bereit, „Ayse“ für ein paar Tage aufzunehmen und besorgte uns bei einem Tierarzt einen Impfpass, mit dem wir ganz unbesorgt den Hund mit nach Deutschland nehmen konnten. Vor dem Abflug kauften wir noch das Zubehör: eine rote Tasche (für Mädchen), Fläschchen, Wärmeflasche und ein Halsband. Stolz gingen wir im Flughafen zur Abfertigung. Der Zoll hatte keine Probleme gemacht - jetzt kam der große Knall: Onur Air weigerte sich strikt, ein Tier zu befördern. Der Abflug rückte immer näher, wir kamen keinen Schritt weiter. Ich war den Tränen nahe, mein Mann platzte fast vor Wut. Wir hatten nur die Möglichkeit, gemeinsam zu fliegen, wenn der Hund am Flughafen blieb (die Folgen für unsere Ayse waren uns klar). Die Koffer waren schon weg, also flog ich alleine und mein Mann blieb mit Ayse zurück. Ich wusste nicht, wie es weiterging. Mein Mann hatte keine Kleidung zum Wechseln, keine Medikamente, keine Kreditkarte und nur noch 35,- Euro in bar. Dafür hatte ich das Handy und die Kreditkarte. War das keine tolle Aufteilung?
Zuhause ging es dann hektisch
weiter. Wir sind eine Großfamilie. Alle versammelten sich in unserer Küche. Beim
Koffer auspacken wurden wilde Pläne geschmiedet. Zu unserem Glück fand meine
älteste Tochter Michaela im Internet einen Bericht über Herztier. Sie nahm
sofort Kontakt zu Michaela Adams auf, ich rief Marion Aslan an. Dann warteten
wir auf den Anruf meines Mannes. Der kam aber erst gegen Abend. Bis gegen 16 Uhr
war er mit Ayse noch am Flughafen (seit 5 Uhr morgens) geblieben, in der
Hoffnung, vielleicht einen freien Platz auf einem anderen Flieger zu ergattern.
Türkische Bekannte halfen ihm dann mit Geld und Unterkunft. Ich erzählte von unseren Bemühungen und dem Ergebnis, dass er den Hund auf keinen Fall mit dem Impfausweis durch die Zollkontrolle bekäme. Mein Mann telefonierte dann selbst mit Marion. Marion bot sich spontan an, Ayse bei sich aufzunehmen, aufzupäppeln und für die erforderlichen Impfungen und Papiere zu sorgen.
Mittlerweile wissen wir: Ayse darf auf ihrem Kopfkissen schlafen und sich von Marion verwöhnen lassen.
Fazit dieser unglaublichen Geschichte: hätte mein Mann keine „Bauabnahme“ gemacht, hätte ich nicht die Mülltonne durchwühlen müssen (in den ersten Tagen nannte er mich deshalb „Mülltonnen-Ellie“ und erzählte jedem Nachfrager, er hätte den Hund gekauft). Wir hätten aber auch nicht so nette, hilfsbereite Menschen kennen gelernt.
Hoffentlich dauert es nicht so lange, bis Ayse bei uns ist und ihren Platz neben Penny und Paulchen auf unserem Sofa einnehmen kann.